Eisenbahnbrück
Kurzgeschichten

Bahnhofsgeflüster

Ich stehe an einem überfüllten Bahnsteig. In einer Stadt, in der viele Menschen leben, eigentlich überleben. Wie ich, denn mit leben hat das nichts zu tun.

Es nieselt, die Nässe und die Kälte kriechen mir langsam in die Knochen.

Meine Bahn hat Verspätung und ich warte. Warte auf die Bahn. Warte auf die Dinge die da kommen. Mein Leben fühlt sich schon eine ganze Zeit lang so an. Wartend.

Ich weiß noch nicht ob ich mich freuen soll, weil ich zu spät zur Arbeit komme.

Einerseits nervt mich der Job, andererseits brauche ich ihn. Einerseits möchte ich soviel Anderes machen, andererseits weiß ich nicht was. Mein Herz fängt schnell Feuer, bei jeder Idee die ich höre, die ich lese. Bei jedem Impuls der mir den Weg kreuzt, mir direkt in die Arme läuft. Dann halte ich ihn fest, sauge ihn auf, zerdrücke ihn, atme ihn aus. Doch am Abend ist nur noch kalte Asche übrig, die der Wind der Eintönigkeit weg weht.

So verstreichen die Tage und ich warte. Mein Leben steht an einem überfüllten Bahnsteig und wartet. Wartet auf den Zug mit den Chancen, der sich offensichtlich verspätet hat.

Welche, sollten sie sich spontan und unerwartet ergeben, ich so wie so nicht ergreife.

Um mich rum Menschen. Menschen deren Zug nicht verspätet ist. Die pünktlich einsteigen und austeigen, die nichts verpassen, die nicht zu spät kommen. Die nicht warten und hoffen das der Tag heute nicht eintönig und langweilig wird. So scheint es zumindest.

Das Heute was neues passiert. Etwas anderes, überraschendes. Obwohl der Tag so gleich angefangen hat, wie jeder andere in dieser Woche. In diesem Monat, wahrscheinlich in den letzten Jahren.

Plötzlich rauscht ein Zug den Bahnsteig entlang und reißt meine Gedanken mit. Alle Hirngespinste, alles Unfassbare. Wenn ich hier stehen bleibe und warte, werde ich niemlas etwas anderes sehen, hören oder schmecken. Außer dem grauen Bahnhof, mit seinen lärmenden Geräuschen dem billigen Kaffee vom Vorplatz. Den ich jeden Donnerstag und Freitag kaufe, aus Gewohnheit und aus Müdigkeit.

Müdigkeit die zum Ende der Woche ansteigt, Blutdruck der immer tiefer sinkt und die Langeweile die mich immer mehr einhüllt.

Manchmal ist die Müdigkeit auch schon mittwochs da und ganz manchmal sogar schon montags und die Woche wird endlos. Wie die Schienen, die aus dem Bahnhof hinausführen.

Aber was hält mich zurück? Was verwurzelt mich hier? Warum nehme ich nicht einen anderen Zug? Warum entscheide ich mich nicht für die entgegengesetze Fahrtrichtung? Ich könnte dem Tag eine andere Richtung geben, am Ende etwas bewegen, Teil einer Lösung sein.

Angst. Angst ist das Problem. Angst vor dem ungewissen. Angst vor dem nicht planbaren. Angst vor dem Scheitern. Angst vor den Blicken der Anderen. Die gleich wussten es klappt nicht, dass man zufrieden mit seinem Leben sein sollte. Dem sicheren Job, der Riester-Renter, den Bio-Produkten im Kühlschrank.

Nicht schneller, höher, weiter. Einfach stehen bleiben, zufrieden sein, durchatmen. Es lohnt sich nicht etwas zu riskieren. Es ist ja schon alles da. Alles gesehen, erfunden, besprochen. Dann kann man es auch gleich sein lassen. Wozu Energien verschwenden? Ressourcen in Anspruch nehmen. Die soll man doch so wieso sparen, die Ressourcen.

Mein Zug fährt ein. Wenn man nichts riskiert, kann sich auch nichts verändern. Quietschend kommt die Bahn am Haltpunkt zum stehen. Es besteht eine 50/50 Chance, das es spannender wird. Die Türen öffnen sich und Menschen strömen raus auf den Bahnsteig. Finde ich nicht immer wieder diesen langweiligen Job, mit geregelten Arbeitszeiten. Vielleicht nicht so, aber vielleicht ziemlich ähnlich. Menschen quetschen sich in den Zug. Endlich was riskieren, drauf los leben. Die Türen schließen sich und schwerfällig fährt die alte Bahn an.

Am Bahnsteig bleibt ein Pappbecher zurück, mit kaltem Kaffee, vom Bahnhofsvorplatz. Der noch nie geschmeckt hat und der auch nur gegen Müdigkeit hilft, wenn man müde ist.

Eisenbahnbrück

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