Blumenwiese
Kurzgeschichten

Rahmengestaltung

Ich laufe durch die Galerie. Es ist voll, zu voll für mich. Ich fühle mich beengt, es ist stickig. Wahllos schaue ich die Bilder an, die zum Verkauf stehen. Die, die ich mir leisten könnte und die, die ich mir niemals leisten werde. Das weiß ich jetzt schon. Fahrig fasse ich an meinen Kopf, auf meinen strengen Dutt. Er zwickt, ziept, stört. Meine rote Locken sind darin gefangen, so wie ich in dieser Galerie.

Vor einem Bild bleibe ich stehen. Das erste, welches ich heute wirklich sehe, obwohl ich mir in der letzten Stunde schon hunderte angesehen habe. Es zeigt einen Hund, ich spiele mit dem Gedanken, das Bild zu kaufen. Der Hund auf dem Bild erinnert mich an meinen Hund. Meinen Hund aus Kindheitstagen. Meinen Hund, der mich durch die schier endlosen Tage in den Sommerferien begleitet hat. Nur draußen sein, im See schwimmen, über grüne Wiesen toben, in der Sonne liegen, Freiheit riechen, Eis essen und den Sommer schmecken.

Wann haben diese Tage aufgehört? Wann ist das Leben schwer geworden? Wann weichten diese unbeschwerten Tage, den langweiligen Bürojob-Tagen? Zu nervenden Lebensmitteleinkäufen und zu es-ist-kompliziert-Beziehungen?

Jemand hätte mich vorwarnen können, dann wäre ich rechtzeitig ausgestiegen oder auf der Wiese sitzen geblieben.

Hübsche, hier bist du.“ Ich schaue in blaue Augen. Augen die mich fixieren, versuchen in mir zu lesen. Das lasse ich nicht zu. Setze mein Lächeln auf. Gute Miene zum bösen Spiel. Seit den langen Sommertagen auf der Wiese, tausendfach geübt.

Ich finde es hier auch schrecklich. Und ich weiß, warum ich derartige Veranstaltungen schon lange meide.“

Das glaube ich ihm tatsächlich. So wie ich ihm auch viele andere Dinge glaube, die er mir sagt. Wir lügen uns nicht an, haben uns das geschworen und daran halte ich fest. An irgendetwas muss man glauben, muss ich glauben.

Gefällt dir das Bild? Sollen wir es kaufen?“ er deutet auf das Bild mit dem Hund.

Es gefällt mir tatsäch…“

Jonas, hier steckst du!“ unsere Zweisamkeit wird von einem Mann mittleren Alters unterbrochen. Jonas wird nicht erfahren, dass ich das Bild tatsächlich gern gekauft hätte. Und auch nicht, dass es mich an Sommer erinnert.

Ich habe mich gerade mit Herrn Fux unterhalten, er könnte ein potentieller Kunde von uns werden. Komm mit zur Bar, ich stell dich vor.“

Mein Freund entschuldigt sich und lässt mich zurück.

Langsam beschleicht mich das Gefühl, das auch ich betrachtet werde, so wie die Kunst an den Wänden. Meine Größe, Form, Farbe alles wird analysiert, interpretiert. Auch mein Preis und ich gehöre nicht zu den kostspieligen Werken.

Nastasja, du bist ja auch gekommen, wir haben dich gar nicht gesehen.“ Zwei Frauen stellen sich zu mir. Offensichtlich die ersten Interessenten für mich als Kunstwerk.

Ja, wir sind schon eine ganze Weil hier. “

Mein Frisur wird begutachtet, meine Kleidung und mein Wert sinkt.

Jonas hat erzählt, dir wurde gekündigt. Tut mir leid.“ stellt die Frau fest, deren Wert wohl deutlich höher ist als der meiner, zumindest gibt sie mir das Gefühl.

Da hatte ich leider etwas Pech, was den Sozialplan anging.“ Versuche ich es mit Humor.

Ist ja auch eigentlich egal. Jonas bekommt euch beide schon durch. Da hast du wohl Glück an so einen Mann zu kommen.“ Mich beschleicht das Gefühl, dass die Frau, mit Glück, meinen Körperbau meint und mein nicht angemessenes Alter.

Gern würde ich darauf antworten. Das es nicht Glück war, sondern Verständnis, zusammen lachen, zuhören, Liebe. Doch auch hier beschleicht mich das Gefühl, das mir das niemand glaubt. Die Zeichnung von meiner Beziehung zu Jonas ist schon fertig. Da gibt es nichts mehr zu korrigieren.

Schade, das Jonas erst so kurz geschieden ist. Sonst hättest du Chancen auf eine richtige Traumhochzeit. Davon träumst du doch bestimmt.“

Das ich gerade von längst vergangen Sommertagen geträumt habe, tut in dieser Diskussionsrunde wahrscheinlich auch nichts zu Sache.

Ich mache mir nicht viel aus Hochzeiten oder heiraten.“

Ungläubig werde ich angesehen. Meine Antwort wird als Lüge deklariert. Die dicke Acrylfarbe wird auf die Zeichnung unserer Beziehung aufgetragen.

Wir werden von einem kleinen Mädchen in einem auffallenden Kleid unterbrochen, das weinend auf uns zu läuft. Eine der beiden Frauen nimmt das kleine Mädchen auf den Arm und tröstet es über fürsorglich.

Kinder möchtest du doch aber bestimmt?“

Kinder sind für mich im Moment kein Thema. Ich komme sehr gut mit Jonas Töchtern zu recht und damit bin ich vollkommen zufrieden.“

Das glaube ich gern. Ihr seid ja auch fast in einem Alter.“

Das ich in all diese Schubladen gesteckt werde, wusste ich. Trotzdem tut es weh und ich möchte dort nicht rein gezwängt werden, ich würde gern ihre Finger in den Schubladen einklemmen.

Meine Damen, unterhaltet ihr euch gut?“ Jonas unterbricht unsere illustre Runde. Wie schön, jetzt wo unser Bild fertig und getrocknet ist und ich wertlos bin.

Zuhause angekommen, gehe ich ins Badezimmer. Ich wasche mir die Schminke und die missgönnenden Blicke runter. Ich lege meinen Schmuck und die Vorurteile ab. Ich löse meine roten Locken und sie fallen, mit der ganzen Anspannung auf meine Schultern und dann den Rücken runter.

Der Spiegel umrahmt mich. Mein Spiegelbild wirkt, als wäre es in einem Bilderrahmen.

Mir gefällt das Bild. Es hat Makel, Macken und es ist nicht perfekt. Das gehört zu einem guten Kunstwerk dazu, macht es authentisch. So wie ich mich gerade sehe, bin ich was wert, wertvoll, unbezahlbar.

Ich verlasse das Bad und zurück bleibt der leere Rahmen, aus dem ich heute nicht fallen wollte, das nächste Mal würde ich den Rahmen aber sprengen.

Blumenwiese

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s