Grenzüberschreitung
Kurzgeschichten

Grenzüberschreitung

Der rote Metallzaun, gesäumt mit Stacheldraht, ragte hoch und unüberwindbar in den Himmel. Der Himmel war hellblau, mit weichen Wolken behangen und bildete einen harten Kontrast zum Grenzzaun. Gonzales zog mit großen Schritten, seine Runde am Zaun. So nannten seine Kameraden und er, die Grenze. Allerdings nur, wenn kein Vorgesetzter in der Nähe war. Vor Besagten, nahmen sie ihren Job als Grenzer ernst. Trugen die unbequeme, matschfarbende Uniform mit stolz und polierten die schweren Stiefel mit einem Lächeln im Gesicht.

Diese Woche hatte Gonzales Spätschicht. Mittags wurde er losgeschickt und vor Sonnenuntergang war er zurück an seinem Grenzturm. Nächste Woche ging er in die Nächte, wie sie es nannten. Nachtschicht. Gleiche Runde, alles im dunkeln. Die einzigen Lichtquellen waren die Grenztürme, die von 2.000 Meter Wüste getrennt waren und seine kleine Lampe. Meistens waren sie zu Zweit eingeteilt mit einem Schäferhund. Meistens gab es aber Ausfälle zu vermelden oder seine Kameraden wurden an anderen Stützpunkten dringender gebraucht. Gonzales wurde dann mit dem großen Schäferhund und einer kurzen Einweisung, alleine auf die Runde geschickt.

Dann konnte er sich aussuchen, wovor er mehr Angst hatte. Die Einsamkeit, die Dunkelheit oder der große Hund. Nachts wirkte der Zaun noch bedrohlicher und noch unüberwindbarer. Trotzdem versuchten es Menschen auch nachts, von der anderen Seite, auf seine Seite zu fliehen.
In diesem Falle, so lautetet der Befehl, war er angehalten zu schießen. Natürlich nur zum Selbstschutz, zu seiner Sicherheit und um sein Land zu beschützen. Das wurde ihm seit Monaten, vor jedem Schichtbeginn eingetrichtert.

Männer! Entsichern, zielen, schießen! Jede Sekunde die ihr zögert, gibt eurem Angreifer eine Sekunde mehr, um euch zu erschießen.“

Zu Beginn seiner Wehrdienstpflicht hinterfragte Gonzales diesen Befehle.

Wieso sollten die eine Waffe bei sich tragen? Die Menschen sind doch auf der Flucht. Sie fliehen vor Waffen und Gewalt.“

Seine Frage war kaum aus seinem Mund, da packte ihn sein Vorgesetzter grob am Kragen und zischte ihm ins Gesicht. Er roch alten Atem, gemischt mit Zigarrenrauch.

Weil die da drüben, Wilde sind! Die haben nichts mehr zu verlieren! Sie wollen hier rüber kommen und die gleiche Unruhe stiften, wie in ihrem Land.“

Weil er den Befehl seines Vorgesetzten in Frage stellte, bekam er eine Ausgangssperre verhangen. Während seine Kameraden nach sechs Wochen Wehrdienst, das erste freie Wochenende Zuhause verbrachten, blieb er zurück in der Kaserne.

Seit diesem Vorfall hielt Gonzales aus Angst, seinen Mund stets geschlossen.

Beugte sich den Befehlen seiner Vorgesetzten, wie das Wüstengestrüpp dem Wind.

Doch je mehr verhasste Nachtschichten und sinnlose Befehle er absolvieren und ausführen musste, je mehr schlug seine Angst in Wut um und diese in Hass. Hass gegenüber seinen Vorgesetzten und den Menschen von drüben.

Die Sonne stand tief und brannte unermüdlich auf ihn und seine Gedanken. Kilometer weit war nur Sand und Gestrüpp zu sehen, kein Hinweis auf nur einen Quadratmeter Zivilisation. Mit seinem Taschentuch wischte er sich den dünnen Schweißfilm von der Stirn. Das Taschentuch war rot und feucht. Getränkt von Schweiß und Wüstensand.

Gonzales, Amigo. Noch zwei Monate. Drei Nachtschichten. Und zur Belohnung ein Leben mit deiner wunderschönen Marita.“ Laut sprach er sich Mut zu und wischte sich noch mehr Schweiß von der Stirn.

Der Weg bog sich zu einer Kurve und der Zaun schlängelte sich unermüdlich weiter durch den Sand. An einer Stelle am Zaun stockte Gonzales, hielt seinen schnellen Schritt an. Einzelnen Streben wirkten verborgen und zwei Querverbindungen waren getrennt vom Rahmen. Jemand hatte den Zaun beschädigt und versucht auf seiner Seite einzudringen oder hatte dieser Jemand es sogar geschafft? Das feste Metall wirkte notdürftig zurück gebogen und die Stelle war kaum wahrnehmbar.

Gonzales drehte sich langsam und geräuschlos um. Sein Atem hielt an, jeder Muskel in ihm war angespannt. Erneut bildete sich Schweiß auf seiner Stirn, die nicht den Sonnenstrahlen geschuldet waren. Nichts, es war nichts auffälliges zu sehen. Kilometer weit nur Sand und Gestrüpp, kein Hinweis auf nur einen Quadratmeter Zivilisation.

Er ließ seinen Atem frei, holte neue Luft, richtete sich auf, aus seiner geduckten Haltung. Mit zittrigen Händen griff er zu seinem Funkgerät.

Wachturm 18. Unteroffizier Pérez.“

Grenztruppe 18. Unteroffizier Florés. Melde Beschädigung des Grenzzaunes in Kilometer 54,4. Offensichtlich wurde ein Eindringversuch unternommen. Keine Verdächtigen zu vermelden.“

Beschädigung des Grenzzauns in Kilometer 54,4. Wird unverzüglich an Vorgesetzten Martinéz vermeldet.“

Die Angst ließ von ihm los. Gefahr erkannt und Bericht erstattet, Vorschriftsgemäß gehandelt. Die Pioniereinheit würde unverzüglich ausrücken und die Reparaturarbeiten durchführen. Beschädigungen am Grenzzaun hatten die höchste Priorität. Selbstsicher setze Gonzales seinen Weg fort. Sollte nochmal jemand sagen, es wäre nichts mit ihm anzufangen.

Sein Funkgerät piepte, er zuckte zusammen und sein Selbstbewusstsein wurde mit der nächsten Windböe davon getragen.

Grenztruppe 18. Unteroffizier Florés.“ meldete er sich und wartet angespannt auf den nächsten Befehl.

Wachturm 18. Unteroffizier Pérez. Zur Zeit sind alle Pioniereinheiten im Einsatz. Beschädigung wurde bereits an die Nachtschicht gemeldet.“

Ernüchternd nahm er die Meldung auf.

Und Gonzo? Du kannst dich schon auf deinen Feierabend freuen. Ein Brief von Marita liegt auf deinem Bett.“

Sein Lächeln wurde breit und die tiefen Sorgenfalten zwischen seinen Augen glätteten sich.

Ein Brief von seiner wunderschönen Marita. Vor seinen Augen bauten sich ihre üppigen Kurven auf. Die Wüste verschwand und er sah ihren leidenschaftlichen Blick, ihre grünen Augen. Ihre langen schwarzen Haare wehten ihr wild ins Gesicht. Sie drehte sich schwungvoll mit ihrem bunten Rock um. Bewegte sich lasziv im Wind. Ihre Füße tanzten vor ihm über den Boden, wirbelten Sand auf und dicke Blutstropfen…

Die dunklen Verfärbungen auf dem Sand, nahm er erst jetzt wahr. Jetzt, wo sie handflächen groß waren. Angespannt folgte er der Spur, mit seinem Blick zurück. Die Spur fing an, wo die Einbruchsstelle am Zaun aufhörte.

Er zog seine Hosenbeine hoch, ging in die Knie und beugte sich tief über die Flecken. Noch frisch, noch nicht komplett mit Wüstensand bedeckt.

Ein Tier? Das sich an den scharfen Streben verletzte? Oder letztendlich doch ein Flüchtling?

Die Spur verlief in das Gestrüpp vor ihm.

Ruckartig richtete er sich auf. Seine Hosenbeine rutschen zurück über seine Stiefel. Gänsehaut breite sich auf seine Unterarme. Sein Mund trocken, wie der Sand.

Unbeweglich starrte er in das Gestrüpp. Bewegte sich etwas im Inneren? Beobachtete ihn ein Augenpaar?

Im nächsten Moment sprang etwas aus dem Gestrüpp, auf ihn zu, visierte ihn erschrocken an und sprintete in die andere Richtung. Ein Hase.

Sein Herz pumpte, Blut schoss ihm in den Kopf und er war noch immer bewegungslos. Seine Waffe rutsche ihm von der Schulter und baumelte vor seinen Füssen. Die Waffe, blitzschnell zu entsichern und auf seinen Angreifer zu richten, war ein wichtiger Teil seiner Grundausbildung.

Peinlich berührt schaute Gonzales sich um. Hätte ihn einer seiner Kameraden beobachtet, wäre ihm der Spott und Hohn der ganzen Kaserne über Wochen sicher.

Gonzales war noch immer alleine, sogar die Angst war gegangen. Zu ihm gesellte sich ein anderer Bekannter. Die Wut.

Die Wut auf diesen Grundwehrdienst. Müsste er seine Zeit hier nicht so verschwenden, hätte er seine Lehre in der Werkstatt schon begonnen. Als Automechaniker konnte er eine eigene Werkstatt eröffnen und Maritas Vater, Salvatore, von sich und seinen Fähigkeiten überzeugen. Zeigen das er, Gonzales Florés, eine ausgezeichnete Partie für Salvatores einzige Tochter war.

Stadtessen verschwendete er hier seine Zeit. In der endlosen Wüste mit wilden Hasen.

Alles nur wegen euch!“ schrie er wütend und schleuderte einen Stein auf die andere Seite des Zauns. Mit seinen schweren Stiefeln trat er gegen die Metallstreben, die nicht einen Millimeter nachgaben. Wenn die Menschen einfach auf ihrer Seite bleiben würden, müsste es diesen Zaun nicht geben und er müsste ihn nicht bewachen.

Und ihr! Seid auch nicht besser!“ der nächste Stein wurde Richtung Grenzturm geschleudert.

Es musste doch Menschlichkeit geben! Oder wenigstens einen Kompromiss! Wenn es den Menschen hinter dem Zaun so schlecht ging, dass sie diese gefährliche Flucht als einzigen Ausweg sahen, mussten seine Leute doch helfen. Den Menschen entgegenkommen, eine Lösung finden. Nicht einen Zaun mit Stacheldraht hochziehen und auf sie schießen. Es waren doch Menschen, wir er einer war. Egal welche Hautfarbe sie unterschied, ob die Sprache eine andere war. Das Blut war immer rot.

Wieso der Hass, die Gewalt, die ganze Propaganda?

Am Wendepunkte, spukte er auf den Boden und drehte um. Wieder passierte er die beschädigte Stelle.
Die Öffnung schien größer, spitze Metallstäbe ragten in den Weg. Sah das vorhin auch so aus? Verlor Gonzales den Verstand? Hier? Mitten im Niemalsland? Wieder raschelte es im Gestrüpp neben ihm. Adrenalin pumpte in seine Adern. Blitzschnell zog er sein Gewehr von der Schulter, entsicherte es und zielte.

Ein Mensch war auf der anderen Seite des Busches herausgesprungen. Für einen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Gonzales sah ein Gesicht, verschmiert mit roten Wüstensand, dazu panische Augen. Ein zerrissenes Hemd, das mit Blut an einem abgemagerten Oberkörper klebte. Im nächsten Moment drehte der Flüchtige, Gonzales den Rücken zu und rannte los. Rannte um sein Leben, weichte den Gestrüppen aus und stolperte über trockenes Unterholz. Sah sich wild nach Schutz um, einen Unterschlupf, eine Möglichkeit in Deckung zu springen.

Zu sehen war nur, Kilometer weit Sand und Gestrüpp, kein Hinweis auf einen Quadratmeter Zivilisation. Gonzales visierte ihn mit seiner entsicherten Waffe an. Zielte auf den Flüchtling, einen Menschen, wie Gonzales selbst einer war. Zielte auf Hoffnungen, Träume, Mut und Verzweiflung.

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