writing friday
Writing Friday

Postgeflüster (Writing Friday)

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Das hier ist mein erster Beitrag zum #writingfriday von Elizzy zum Thema

Du bist eine zu spät ankommende Weihnachtskarte – berichte über deine Empörung!

Postgeflüster

Ich bin endlich angekommen, nach langer Reise. Ich habe einen ordentlichen Knick an einer Ecke und mein weißer Umschlag hat Flecken und Staub abbekommen. Obwohl ich erst vor ein paar Tagen in den Briefkasten eingeworfen wurde, kommt mir meine Reise wie eine Ewigkeit vor…

Meine Reise beginnt im Briefkasten am Bahnhof, in dem ich eingeworfen werde und in dem es dunkel und zugig ist. Glücklicherweise werden wir schnell befreit und in eine gelbe Kiste befördert. Um mich herum finden sich andere Briefe und dicke Umschläge wieder, sogar ein kleines Päckchen ist dabei. Wir freuen uns auf unsere Reise und wollen schnell zu unserem Empfänger um ihm die gute Nachricht zu überbringen, die unser Absender beabsichtigt hat. Zumindest die meisten von uns haben eine gute Nachricht. Ein Brief, in einem dicken braunen Umschlag, wirkt unhandlich und trägt eine schwere Entscheidung in sich. Die dem Empfänger nicht gefallen wird.
Ich dagegen tragen gute Wünsche in mir und sogar ein selbstgeschriebenes Gedicht. Ich bestehe aus dickem Kartonpapier und mich ziert eine filigrane Zeichnung von einem Tannenbaum. Mein Umschlag ist schneeweiß und ich wurde mit viel Liebe und Hoffnung beschrieben.

Wir werden durch den Bahnhof getragen und soviel ich aus meiner Kiste sehe und höre, herrscht reger Betrieb. Menschen hasten eilig von links nach rechts, versuchen Züge, Busse und Taxen zu erreichen.

Plötzlich fühle ich eine Erschütterung und fliege im selben Moment durch die Eingangshalle des Bahnhofs. Der schwere unhandliche Brief bleibt in der gelben Kiste hängen, wir leichteren Briefe landen verstreut in der Halle.

Ich segele etwas weiter und lande ziemlich weit weg von der gelben Kiste und meinem Postboten. Der Boden ist mit Schneematsch bedeckt und eine Ecke meines Umschlages ragt gefährlich nah in die nächste Pfütze.

Von weitem kann ich den jungen Mann sehen, der nun die halbleere Kiste in der Hand hält und sich wütend umschaut. Der Verursacher des Chaos, ein Mann auf einem Fahrrad, entschuldigt sich hektisch im vorbeigehen und hastet zu seinem Bahnsteig. Missmutig werden die Briefe wieder eingesammelt, ich liege aber zu weit weg, um gesehen zu werden. Die anderen Briefe schauen mich aus der Kiste an und der dicke, braune Umschlag schmunzelt süffisant über meine Lage. Ansonsten wird mir keine weiter Beachtung geschenkt.

Ich gerate in Panik. Muss ich doch ausgeliefert werden, meine Nachricht übermitteln und meine Aufgabe erfüllen!

Der junge Postbote macht sich auf den Weg, übersieht mich und lässt mich in Verzweiflung zurück.

Doch das Blatt wendet sich, jemand wendet mich. Eine zarte Hand hebt mich auf, streicht meine geknickte Ecke glatt und läuft hinter dem jungen Mann her.

Entschuldigung! Sie haben einen Brief verloren!“ zu der zarten Hand, gehört eine zarte Stimme. So zart, dass sie kaum wahrgenommen wird. Zaghaft hält sie den jungen Mann an der Jacke fest.
Was?“ genervt dreht dieser sich um und schaut böse, hat der Tag offensichtlich genug Unannehmlichkeiten mit sich gebracht.
Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht aufhalten, aber den Brief, haben Sie verloren.“

Schlagartig erweichen sich die Gesichtszüge des Mannes, er bedauert seine Wut und ein schüchternes Lächeln umspielt seine Lippen.

Danke. Sehr nett. Den hätte sicherlich jemand vermisst.“
Endlich komme ich zurück zu den anderen Briefen.
Vermisst werden, sollte niemand vor Weihnachten.“ erklärte die junge Frau und versteckte ihre Hände in die warmen Manteltaschen.

Noch ein Lächeln wird ausgetauscht. Die beiden möchten sich ungern trennen, wissen aber nicht, was sie zusammen halten soll.

Schöne Feiertage!“
„Danke, auch so. Und einen guten Rutsch!“
Das wünsche ich auch.“
Danke.“

Eine Durchsage zerschneidet das dünne Band und meine Reise zum Empfänger geht weiter. Im Post-Auto ist es fast so zugig und kalt, wie im Briefkasten und es ist laut. Jeder Brief, jedes Päckchen erzählt von seinem Grund der Reise und seinem geheimen Inhalt. Ich berichte von meinem selbstgeschriebenen Gedicht und der schönen Tinte mit der ich beschriftet wurde. Von der geschwungenen Handschrift und von dem nicht weiten Ziel.
Eigentlich hätte mein Absender mich persönlich beim Empfänger abgeben können, dazu fehlte allerdings der Mut.

Im Postverteilzentrum werden wir aus unseren Kisten geschüttet und landen in einer automatischen Sortiermaschine. In hoher Geschwindigkeit werden wir verteilt, durch viele Schienen gejagt und auf Förderbändern verteilt. Wieder komme ich in einer Kiste an und werde in einen hellen Raum getragen.

Na Ingo? Wie läuft die letzte Nachtschicht vor den Feiertagen?“
Zieht sich.“
Noch drei Stunden. Hier sind noch Briefe, die nicht zugeordnet werden können.“

Einige Briefe tragen nur noch halbe Empfängeraufkleber oder ihnen fehlt die Hausnummer oder eine Ziffer der Postleitzahl. Die Handschrift meines Absenders, ist zu geschwungen, für eine programmierte Maschine.
Mit Handarbeit werde ich verteilt, aber letztendlich bin ich auch ein richtiges Handarbeitsprodukt. Keine einfache Weihnachtskarte von der Stange, ich würde liebevoll entworfen und verziert.

Mit einigen anderen Briefen lande ich in einem Fach und warte.

Die Nachtschicht wird von der Frühschicht abgelöst. Hektisch werde ich aus dem Fach genommen und segle schon wieder durch die Luft.

Sorry! Ich wollte keinen Durchzug verursachen.“ eine junge Frau entschuldigt sich und greift nach den verteilten Briefen auf dem Boden.

Ich bin unter den Schreibtisch geflogen. Diesmal sieht mich niemand und keine zarte Hand hebt mich hoch. Diesmal gebe ich die Hoffnung nicht sofort auf und warte. Vergebens.

Eine Glocke läutet und das Licht wird gelöscht.
Ich bleibe zurück im Dunkeln, damit ist mein Schicksal besiegelt. Ich werden meinen Empfänger nicht mehr vor Weihnachten erreichen. In dem Raum zieht es nicht, aber es ist kalt.

Niemand sollte an Weihnachten vermisst werden, hallt die Stimme der jungen Frau in mir nach. Kleine Staubflusen kriechen durch den Raum und eine besonders Dicke macht sich auf mir breit. Resigniert liege ich in der Stille.

Na, Kleiner? Ich hoffe du bist kein Weihnachtsgruß!“ ein grauer Briefumschlag, der hinter der Schreibtischrückwand eingeklemmt ist, durchbricht die Stille.
Doch. Leider. Jetzt komme ich nicht pünktlich zu Weihnachten an.“
Das stimmt wohl. Du hast aber noch die Möglichkeit, nach Weihnachten gefunden zu werden und kommst dann nur verspätet an. Aber du wirst ankommen.“

Ich wollte aber pünktlich sein und meinen Empfänger ein Lächeln ins Gesicht zaubern und noch mehr. Mein Absender wünscht sich so sehr eine Antwort von meinem Empfänger.“

Manche Dinge sind leider nicht zu ändern, so gut unsere Absichten auch sind. Manchmal stellt sich uns, das Schicksal in den Weg. Wir müssen uns dann damit Abfinden, das Nachrichten nicht übermittelt werden. Das Schöne ist, manchmal werden zwar keine guten Nachrichten übermitteln, manches Mal dafür auch keine schlechten.“

Diese Theorie muntert mich nicht auf. Schließlich hatte ich eine Aufgabe und wollte sie ordnungsgemäß erfüllen.

Wie lange liegst du schon hier?“ ich versuche mich abzulenken, meine Enttäuschung zu vergessen.

Der alte Brief hustet, seine Ecke ist noch mehr von Staub überzogen und ein paar Büroklammern hängen ebenfalls neben ihm, in der Nische fest.

Zwei Jahre. Ich wurde auch vor Weihnachten, in diese Nische geweht. Hier hinten werde ich wahrscheinlich nicht gefunden. Es sei den, der Schreibtisch wird verschoben.“

Diese Antwort stimmt mich noch trübseliger.
Wie traurig…“

Nein, nein, Kleiner. Das ist nicht traurig. Ich habe keine gute Nachricht in mir. Eine Frau hat in großer Wut, viele böse Dinge geschrieben und den Brief mit der Aufforderung eines Kontaktabbruches beendet.“

Vor Weihnachten? Zu wem, wollte sie ihren Kontakt abbrechen?“
Zu ihrem Vater.“
Wie schrecklich.“ wieder denke ich an die Worte aus der Bahnhofsvorhalle, niemand sollte an Weihnachten vermisst werden.

Aber; Kleiner. Der Vater hat diese bösen Worte nie erhalten, ich bin hier.“

Diese Tatsache bringt mich durcheinander. Der alte Brief hat recht und irgendwie nicht.
Damit wäre es positiv, dass du verloren gegangen bist?“ versuche ich mein Chaos zu ordnen.

Genau. Ich liege hier zwar verloren herum, aber in mir lebt die Hoffnung, dass die Tochter sich mit ihrem Vater versöhnt hat und sie schon das zweite Weihnachten zusammen feiern.“

Eine schöne Vorstellung.“

Keine Vorstellung. Realität, Kleiner. So lange wir beide nichts anderes hören, lebt es in uns und ist damit wahr.“

Diese Worte hallen lange in mir nach. Der alte Brief hingegen, freut sich, über meine Gesellschaft an Weihnachten und hat trotz seiner misslichen Lage schon viel gesehen und erlebt. An meiner Stelle lagen schon viele Briefe und alle wurden gefunden und zugestellt und soweit sich der alte Brief erinnern kann, hatten alle einen positiven Inhalt.

 

Nach den Feiertagen blendet das Licht grell und ich werde tatsächlich gefunden, nachdem der Schreibtischstuhl zur Seite gezogen wird.

Gute Reise, Kleiner! Genieße den Moment, an dem du gelesen wirst!“ der graue Brief bleibt unentdeckt.

Ich werde dich nicht vergessen! Alles hat einen Sinn, ich glaube fest daran!“

Dann werde ich in die Verteiler-Box gesteckt und bleibe auch drin. Ein paar Briefe verspotten mich, weil ich zu spät dran bin und garantieren mir, dass niemand mehr auf mich wartet. Ich beachte sie nicht, weil ich weiß, dass alles einen Sinn und sein Gutes hat. So auch ich, die liebevoll gestaltete Weihnachtskarte, die zu spät kommt.

Nach langer Reise werde ich in einen silbernen Briefkasten gesteckt auf dem der Name meines Empfängers steht. Ich fühle Vorfreude und bin aufgeregt.
Ich bin endlich angekommen, nach langer Reise. Ich habe einen ordentlichen Knick an einer Ecke und mein weißer Umschlag hat Flecken und Staub abbekommen.
Dann wird der Briefkasten geöffnet und mein Empfänger nimmt mich raus. Skeptisch werde ich begutachtet. Im Haus bringt man mich am Wohnzimmer vorbei. Dort steht ein großer, schwer geschmückter Baum. Ich hoffe mein Platz, wird neben ihm sein. Auf einem kleinen Beistelltisch stehen schon andere Karten, Karten die pünktlich waren.

In der Küche steht sauberes Geschirr. Es sieht edel aus und hat einen Goldrand, daraus gab es gute Speisen. Der Rest der vier Kerzen vom Adventskranz, brennt gerade runter. Die Flammen neigen sich langsam dem Ende und das Tannengrün ist vertrocknet.

Mein Umschlag wird geöffnet und ich komme zur Ansicht. Der filigrane Baum auf der Vorderseite kommt nicht gut an, die guten Wünsche darunter werden nur halbherzig überflogen. Nicht schlimm! Ich punkte mit dem selbstgeschriebenen Gedicht auf der Rückseite!

Was für ein Blödsinn. Er ist nicht einmal in der Lage, einen Brief pünktlich in den Briefkasten zu schmeißen.“ mit einem Schwung lande ich im Papierkorb, neben Kartonage und zerrissenem Geschenkpapier.

Ich bin entsetzt, meine lange Reise war umsonst. Alles war umsonst. Die Hoffnung, die ich mir gemacht habe und meine Aufgabe, dass Gedicht zu überbringen. Ein Werbebrief versucht mich aufzumuntern, ich antworte aber nicht. Bin in mich gekehrt.
Der alte Brief sagte, alles hat einen Sinn. Wo ist der Sinn in mir? Wenn ich trotz guter Absicht, diese nicht richtig übermittelt habe?

Zu allem Überfluss werden wir am Abend zur Papiertonne gebracht. Wieder finde ich mich in Dunkelheit wieder, obwohl mein Platz doch neben dem Kamin sein sollte, bei den anderen schönen Weihnachtskarten. Ich fühle mich betrogen und bin wütend, beginne zu toben. Die Tageszeitung von heute, versucht ich zu beruhigen.

So ist nun einmal der Lauf der Dinge. Wir werden gelesen und entsorgt. Unsere Worte, bleiben in Erinnerung und das ist doch das wichtigste.“

Ich ignoriere die Zeitung. Was weiß die schon? Sie ist schließlich nur für einen einzigen Tag hergestellt worden. Ich war für mehr bestimmt. Für Tage, sollten meine Worte zu lesen sein und am Ende wäre mir ein Platz in einem Tagebuch oder Kalender sicher gewesen und in ein paar Jahren hätte mich mein Empfänger wieder gefunden und mich noch einmal gelesen und sich über die schönen Worte meines Absenders gefreut.

Es vergehen weitere Tage und weitere Briefe und Tageszeitungen werden auf mich geschüttet. Das Geschenkpapier rückt in die Minderheit und die Reklame nimmt zu.

Ich finde mich mit meinem Schicksal ab. Vielleicht ist es wirklich besser, dass ich kein Gefallen gefunden habe. Vielleicht sollten der Empfänger und der Absender nicht noch einmal zusammen finden. Vielleicht hat dafür der junge Postbote am Bahnhof, die Frau mit der zarten Stimme wieder gefunden und sie auf einen Kaffee eingeladen. Vielleicht konnte ich, die Zwei zusammen bringen.

Am nächsten Tag soll meine Reise weiter gehen, der Container wird morgen entleert, erklärt uns eine Briefmarke, die schon seit Jahren auf dem Boden des Containers festklebt. Wenigstens komme ich noch ein bisschen herum, bevor meine Reise sich dem Ende neigt.

Während ich noch einer Geschichte der Briefmarke lausche, gerät der Container ins Wanken. War der Morgen schon gekommen?

Die finden wir nie wieder!“ stellte eine junge Stimme fest und öffnete den Container. Mit einer Taschenlampe wird der Inhalt durchleuchtet.
Manchmal muss man Glück haben.“ antwortete eine andere Stimme und eine junge Frau schaute in den Container. Sie fängt an, in uns zu wühlen.
Leuchte mal in die Ecke. Es muss weiter unten sein. Ist ja schon ein paar Tage her.“

Wir werden alle durcheinander gebracht und von dem hellen Licht der Taschenlampe erstrahlt.

Da ist das Ticket!“ die junge Frau greift nach einer Konzertkarte die auf mir drauf liegt. Die Konzertkarte freut sich, ihre Aufgabe im Sommer, doch noch erfüllen zu können.

Das Licht scheint weiter auf mich, obwohl ich nicht den nutzen einer Konzertkarte habe.

Das ist aber eine schöne Handschrift!“ die Frau greift erneut in den Container und zieht mich raus.

Sie liest sich mein Gedicht durch und zeigt mich begeistert ihrem Freund.

So etwas schönes sollte niemand wegschmeißen.“
Stimmt!“

Damit werde ich rein getragen, wieder an einem Weihnachtsbaum vorbei, allerdings ist dieser deutlich kleiner und schlichter und strahlt mehr Liebe aus, als der meiner Empfängerin.

Ich werden mit einem Magneten an den Kühlschrank gepinnt und habe eine schöne Aussicht aus dem Fenster.

Ich kann mein Glück kaum fassen. Ich wurde mit Freude gelesen, meine Worte wurden sogar geteilt und jetzt hänge ich, gut sichtbar an einem Kühlschrank. Vielleicht ergibt am Ende alles einen Sinn und der Weg, auf den wir geführt werden, den wir nicht geplant haben, ist doch der Richtige für uns.

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Die Regeln im Überblick;

  • Jeden Freitag wird veröffentlicht
  • Wählt aus einem der vorgegeben Schreibthemen
  • Schreibt eine Geschichte / ein Gedicht / ein paar Zeilen – egal Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben
  • Vergesst nicht den Hashtag #WritingFriday und den Header zu verwenden
  • Schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch!
  • Habt Spaß und versucht voneinander zu lernen

Bei mehr gewünschten Informationen, schaut bei Elizzy vorbei!

 

2 Gedanken zu „Postgeflüster (Writing Friday)“

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